> Personen 1900–1945 > Magdeleine Guipet

Maud Allan

Magdeleine Guipet (1874–1915)

»Traumtänzerin«

Sie wurde 1874 in Tiflis als Emma Archinard geboren, wuchs in Genf auf, wo sie ca. zwei Jahre lang die Kurse von  Émile Jaques-Dalcroze am Genfer Konservatorium besuchte, der dort als Professor für Harmonielehre und Solfège FN1 lehrte. 1911 wird er zusammen mit Wolf Dohrn die Bildungsanstalt Jaques-Dalcroze in der Gartenstadt Hellerau bei Dresden gründen.

Mit 20 Jahren ging sie nach Paris, heiratete 1898 den Kaufmann Alexandre Albert Guipet und wurde Mutter zweier Kinder. In den Jahren von 1902 bis ca. 1909 trat sie als »Traumtänzerin« unter dem Pseudonym Magdeleine G. (Madeleine G.) in Erscheinung. Das Besondere an ihren »Aufführungen« war, dass sie im Zustand der Hypnose  tanzte, einem künstlich erzeugten partiellen Schlaf. Ihre tänzerischen und mimischen Fähigkeiten wurden durch einen Zufall entdeckt. Wegen anhaltender starker Kopfschmerzen suchte sie 1902 den Magnetiseur Emile Magnin auf und begab sich in seine Behandlung. FN2 Er versetzte sie in Hypnose und als er auf dem Klavier spielte, begann sie auf eindrucksvolle Weise zu tanzen. Auch der in München praktizierende Arzt und Parapsychologe Albert Freiherr von Schrenck-Notzing erfuhr 1903 durch seinen Freund und Kollegen, den französischen Mediziner und späteren Nobelpreisträger Charles Richet von ihrem Talent. Dieser schrieb im Frühjahr 1903 an Schrenck-Notzing: »Besser als die große Isadora Duncan!«. FN3 Nachdem er sich bei seinem nächsten Paris-Aufenthalt von ihren künstlerischen Leistungen überzeugt hatte, lud Schrenck-Notzing sie Mitte Februar 1904 nach München ein, wo sie im Beisein ihres Magnetiseurs mehrere Soireen in privaten Salons gab. Um der darauf folgenden enormen Nachfrage gerecht zu werden, organisierte die Psychologische Gesellschaft München, zu deren Mitbegründern Schrenck-Notzing zählte, mehrere Vorstellungen im Münchener Schauspielhaus, den heutigen Kammerspielen, die für großes Aufsehen und wochenlange Berichterstattung sowie Stellungnahmen aus künstlerischen und wissenschaftlichen Kreisen sorgten. Handelte es sich um eine Täuschung oder um echte Gefühlsäußerungen im Zustand des Somnambulismus? Dies war auch das Thema, als sie eine Demonstration am 12. März vor dem Ärztlichen Verein im Hörsaal der Medizinischen Klinik gab. Der sogenannte Traumtanz spielte in Zusammenhang mit der beginnenden Tanzmoderne eine wichtige Rolle, da er das Unbewusste zu Tage treten ließ, was mit zur Formung eines neuen Körperbildes beitrug. (B.O.)

  1. Solfège ist eine Tonlehre zur Gehör- und Gesangsbildung.
  2. Vgl. auch Gabriele Brandstetter: »Psychologie des Ausdrucks und Ausdruckstanz. Aspekte der Wechselwirkung am Beispiel der ›Traumtänzerin Magdeleine G.‹«. In: Gunhild Oberzaucher-Schüller (Hg.): »Ausdruckstanz. Eine mitteleuropäische Bewegung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts«. Wilhelmshaven (Florian Noetzel) 1992, S. 199–211.
  3. Manfred Dierks: »Thomas Manns Geisterbaron. Leben und Werk des Freiherrn Albert von Schrenck-Notzing«. Gießen (Psychosozial-Verlag) 2012, S. 187.

Dominique Gonzalez-Foerster »Hypnogirl 23«

Ihre spektakulären Tänze unter Hypnose insbesondere in München sorgten für großes Aufsehen. Diese ungewöhnlichen Auftritte wurden von der experimentellen Künstlerin Dominique Gonzalez-Foerster als holographische Illusion in den historischen Räumen des Museums Villa Stuck wiederinszeniert.

»Die Traumtänzerin Madeleine« | Öl auf Eichenholz, 41 x 24 cm, um 1904 | Albert von Keller [1844–1920] | Standort: Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Neue Pinakothek München | © bpk / Bayerische Staatsgemäldesammlungen

Magdeleine G. 1904 im Münchener Schauspielhaus | Fotograf nicht ermittelt | © Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene e.V., Freiburg im Breisgau

»Die Traumtänzerin Madeleine« | Öl auf Eichenholz, 41 x 24 cm, um 1904 | Albert von Keller [1844–1920] | Standort: Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Neue Pinakothek München | © bpk / Bayerische Staatsgemäldesammlungen

Albert von Keller (1844–1920): »Die Traumtänzerin Madeleine« | Öl auf Eichenholz, 41 x 24 cm, um 1904 | Albert von Keller [1844–1920] | Standort: Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Neue Pinakothek München | © bpk / Bayerische Staatsgemäldesammlungen

»Die Traumtänzerin Madeleine« | Öl auf Eichenholz, 41 x 24 cm, um 1904 | Albert von Keller [1844–1920] | Standort: Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Neue Pinakothek München | © bpk / Bayerische Staatsgemäldesammlungen

Magdeleine G. 1904 in München | Foto: Adolf Baumann | Abzug auf Silbergelatinepapier, montiert auf Karton, 17 x 11 cm | © Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene e.V., Freiburg im Breisgau

error: Content is protected !!